Wissenschaftliche Rekonstruktion eines Wiener Hammerflügels von Anton Walter, ca. 1782

PrellzungenMechanik mit Einzelauslösung

Faksimilenachbau Anton Walter, Wien ca. 1782 
Faksimilenachbau Anton Walter, Wien ca. 1782

Dokumentation und Faksimile-Rekonstruktion eines  Hammerflügels 

Das Original des nicht signierten Hammerflügels von ca. 1782 weist alle Baumerkmale der frühen Instrumente von Wolfgang Amadé Mozarts Klavierbauer Anton Walter auf. Das Instrument wurde in den 1990er Jahren, vor Gründung des Greifenberger Instituts, fotografisch und zeichnerisch in seinem Zustand vor der Restaurierung dokumentiert. Gleichzeitig wurde damals eine Faksimile-Rekonstruktion des Instruments begonnen. Das Original befindet sich heute in der Musikinstrumenten-Sammlung des Technischen Museums (TMW) in Wien.

Die Besonderheit dieses Instrumentes liegt in seiner Mechanik, die die womöglich früheste Version einer eigenständigen Innovation Anton Walters darstellt. Spuren der eigentümlichen hölzernen Hammerkapseln finden sich auf den Tasten-Hinterenden eines weiteren frühen Instruments, des sog. Eisenstädter Flügels von Anton Walter, aber nur bei unserem Vorlage-Instrument  waren sie noch erhalten. Der Eisenstädter Flügel wiederum besitzt eine sehr große Ähnlichkeit mit dem Instrument Wolfgang Amadé Mozarts, den dieser nach seiner Übersiedlung nach Wien bei Walter erwarb, um ihn in den späteren Jahren sowohl bei sich zuhause als auch bei öffentlichen Konzerten zu benutzen; man kann davon ausgehen, dass Mozarts Flügel ein sehr ähnliches Klangbild und Spielgefühl aufwies, wie es sich bei der in unserem Institut entstandenen Kopie von TMW einstellte.

Daher hat man mit diesem Instrument die Möglichkeit, der Klangwelt Mozarts aus seinen Wiener Jahren sehr nahe zu kommen und sich auch heute noch davon inspirieren zu lassen.

Literaturhinweis: Viele Aufsätze bezüglich der wissenschaftlichen Diskussion zu den drei frühen Instrumenten Anton Walters finden sich in: Mitteilungen der Internationalen Stiftung Mozarteum, 48. Jg., Salzburg (2000)

Gesamtansicht der Mechanik 
Gesamtansicht der Mechanik

Die einmalige Mechanik des Hammerflügels

Walter entwickelte die von Johann Andreas Stein eingeführte Prellzungenmechanik mit Einzelauslösung weiter und veränderte bereits in seiner frühen Schaffens-Periode etliche Details. Ziel war ein insgesamt lauterer Klang, der vor allem ins Forte hinein mehr Entwicklungsmöglichkeiten zeigt. Benötigt eine Mechanik von J. A. Stein ca. 15 Komponenten, so kommt Walter bei seinem Flügel TMW auf insgesamt 18. Die Summe der Mechanik-Einzelteile, die vom Klavierbauer angefertigt werden müssen, steigt dabei von 915 bei J. A. Stein auf 1098 bei Walter:

•          Waagbalkenstegstift-Führungsbäckchen oben

•          Waagbalkenstegstift-Führungsbäckchen unten [1]

•          Kapsel

•          Belederung Achsbohrung 2 x

•          Fixierung der Belederung 2 x

•          Achsen

•          Hammerstiel

•          Hammerkopf, Größe von Baß bis Diskant variierend

•          Belederung Hammerkopf

•          Hammerkopf-Ruhepolster

•          Schnabelplättchen

•          Belederung Schnabelplättchen

•          Auslösezunge

•          Belederung Auslösezunge

•          Befestigung Auslösezunge

•         Feder Auslösezunge

•          Führung der Feder an der Auslösezunge

•          Regulierungs-Häkchen an der Auslösezunge

•          => 18 Komponenten mal Anzahl der Tasten (61) = 1098 Einzelteile

[1] Da diese Waagbalkenstegstift-Führungsbäckchen sorgfältig gearbeitet sind und bei potentiell stärkeren Anschlag und höherer Krafteinwirkung auf die Taste eine zuverlässigere Führung gewährleisten sollen, werden sie hier - obwohl Teil der Taste - mit dazu gerechnet.

In späteren Instrumenten und mit der Verwendung einer zugelieferten Messingkapsel vereinfachte sich die Herstellung für Walter wieder etwas, zumal die Kapsel, um die es im folgenden gehen soll,  besonders aufwendig zu fertigen ist. 

Ein wesentliches Details in der Mechanik von TMW besteht darin, dass die Kapsel und das Hinterende des Hammerstiels sehr individuell geformt sind. Sie kommen so heute weder bei den überlieferten Walter‘schen noch bei den Stein‘schen Mechaniken in dieser Form vor und wurden bisher auch bei keinem anderen Instrument beschrieben.

Hammer mit der besonders geformten hölzernen Hammerkapsel als Antwort auf die Gestalt des Hammerstiel-Endes am Schnabel 
Hammer mit der besonders geformten hölzernen Hammerkapsel als Antwort auf die Gestalt des Hammerstiel-Endes am Schnabel

Die Hammerkapsel ermöglicht die bewegliche Lagerung des Hammerstiels an seinem hinteren Ende. Sie ist auf dem Hinterende der Taste befestigt und bringt den Hammer in die richtige Position zu den Saiten als auch zum beweglichen Auslöser, der an das überstehende Ende des Stiels angreift. Beim Flügel des Technischen Museums Wien ist die Hammerkapsel darüber hinaus so geformt, dass sie eine besondere Idee des Erbauers, nämlich eine Art Fänger des Hammers beim Zurückfall nach dem Anschlag, ermöglichen kann. Es sollte verhindert werden, dass der Hammer bei kräftigem Forte-Spiel unkontrolliert zurück an die Saiten prellen kann. Dies erreichte Anton Walter, indem er dem Hammerstiel an seinem Schnabel-Ende eine bauchige Form gab. Dieser runde „Bauch“ unterhalb des Schnabels ruht auf dem Tuch der Abdeckung der Führung der Tasten-Enden. Auf den Bauch fällt der Hammer beim Zurückfallen nach dem Anprall an der Saite und bei gleichzeitigem Loslassen der Taste. Damit wird durch Hebelwirkung unterstützt, dass der Hammer nicht wieder nach oben prallen kann, wenn die Taste nach dem Anschlag gleich wieder losgelassen wird, wie es z.B. bei Staccato-Anschlägen geschieht und damaliger üblicher Spieltechnik entspricht.

Tastenenden und deren Führung sowie die Auslöser. Das Schnabel-Ende der Hammerstiels liegt auf dem Tuch der Abdeckleiste der Tastenführung auf. 
Tastenenden und deren Führung sowie die Auslöser. Das Schnabel-Ende der Hammerstiels liegt auf dem Tuch der Abdeckleiste der Tastenführung auf.
Rückansicht der Auslösung mit aufwendiger Montage auf einer eigenen Bank und Schieden zwischen den Auslösern 
Rückansicht der Auslösung mit aufwendiger Montage auf einer eigenen Bank und Schieden zwischen den Auslösern
die für den frühen Walter typischen Tastaturfronten 
die für den frühen Walter typischen Tastaturfronten
Tastenführungsbäckchen in der für den frühen Anton Walter charakteristischen Form  
Tastenführungsbäckchen in der für den frühen Anton Walter charakteristischen Form
 
 

 
 
 

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